Die strategischen Herausforderungen einer Qualitäts-Medizin im Wallis
Sitten, den 9. Juni 2010 – In Folge des medien- und politikwirksamen Aufruhrs rund um das Spitalwesen des Kantons Wallis hat das GNW – Spital Wallis – der Walliser Bevölkerung versprochen, in ruhigeren Zeiten die Strategie des Spitals zu kommunizieren. Damit setzt das Spital Wallis die Debatte auf einem anderen Niveau an und gibt gleichzeitig Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Umgeben von Verantwortungsträgern der Direktion und des ärztlichen Bereichs zeigte Dr. Raymond Pernet in seinen Einstiegsworten den Weg auf, den das Gesundheitsnetz Wallis seit seiner Gründung im Jahr 2004 gegangen ist. Ein gigantisches Projekt, verglichen mit ähnlichen Vorhaben in anderen Kantonen. In sechs Jahren hat sich das GNW gemäss dem Willen der Spitalplanung und der politischen Instanzen organisiert. Diese fundamentale Reform der Walliser Spitallandschaft – man könnte sie auch als Hauptreform des letzten Jahrzehnts im Wallis bezeichnen – zeigt sich in der Schaffung eines Unternehmens mit 4‘600 Mitarbeitenden, welche jedes Jahr 37‘500 Patienten stationär behandeln und 317‘000 ambulante Besuche betreuen.
Die Bedeutung der Multidisziplinarität
Die Spitalreform erfolgte nicht ohne Konsequenzen. Einige Ärzte haben es deshalb vorgezogen, das öffentliche Spitalsystem zu verlassen. Um auseinandergerissene Equipen in neuen Teams wieder zu vereinen, braucht es Zeit. Diese wurde auf ein Minimum reduziert, dank der Dynamik des Systems, des sozialen Friedens, welcher aus dem steten Dialog mit den Gewerkschaften resultiert, sowie dem Mehrwert für die Patienten. Die Bildung von Kompetenzzentren hat dank der Synergien der Teams und der Multidisziplinarität, welche dem Patienten ermöglicht, die ganze Behandlungskette an einem Ort zu finden, zu einer höheren Qualität geführt.
Das Ziel der Strategie der Konzentration ist klar: beibehalten und entwickeln einer Qualitätsmedizin im Wallis. Jene, die denken, die Walliser Spitäler sollten sich mit der Basismedizin begnügen und die spezialisierte Medizin an die benachbarten Universitätsspitäler auslagern, verkennen die Walliser Realität. Wenn man sich auf die letzten Statistiken und Qualitätskriterien beruft, kann man sich heute ohne Komplexe mit den grossen Universitätsspitälern vergleichen, sogar mit verschiedensten Konkurrenzvorteilen.
Ein wichtiger Unterschied zu den Universitätsspitälern besteht im Bereich der Spitzenmedizin (z. B. Transplantationen, grossflächige Verbrennungen, Protonentherapie). Zwischen dem GNW und den Universitätsspitälern bestehen zahlreiche Konventionen, in welchen die Zusammenarbeit in diesen Bereichen geregelt ist (z. B. Kardiologie, Herzchirurgie, Thorax-Chirurgie). Hier gilt anzumerken, dass entgegen einiger Ideen, welche das Spital Wallis unter die Ägide von Lausanne stellen, das Spital Wallis die meisten Konventionen mit dem Universitätsspital Genf unterhält (12).
Im Interesse der Walliser eine hochspezialiserte Medizin beibehalten
Das Beibehalten einer Qualitätsmedizin garantiert, dass alle wichtigen Krankheitsbilder im Kanton behandelt werden können. Dazu kommen die Vorteile einer schnellen Intervention, der Nähe zum Patienten, die Wirksamkeit der Behandlung dank der Multidisziplinarität der Behandlung und eine grössere Verfügbarkeit der Ärzteschaft. Wenn man weiss, dass die persönliche Geisteshaltung zu einer Krankheit wesentlich zur Genesung beiträgt, kann man sich nur wünschen, dass der Patient möglichst nahe bei seinen Angehörigen hospitalisiert ist, so dass diese ihn regelmässig besuchen und unterstützen können.
Wenn man die Onkologie, die Viszeral-Chirurgie oder die Kardiologie attackiert, stellt man die ganze Organisation in Frage und schwächt damit das gesamte medizinische System des Spitals Wallis. Es wäre gefährlich, zu denken, dass ein privates System diese Schwächung des öffentlichen Gesundheitswesens auffangen könnte. So verfügt der Kanton Wallis einerseits über sehr wenige private Strukturen, andererseits haben diese nicht die Kapazität, die gesamte, qualitativ hochstehende Leistungspalette für die Einwohnerinnen und Einwohner anzubieten. Dies ist insbesondere für die Kardiologie der Fall.
Die Qualität der Kardiologie und der Viszeralchirurgie im Wallis
Die Kardiologie ist ein medizinischer Bereich, der viel präzisere und realistischere Antworten erfordert, als sie in den Medien in der letzten Zeit zitiert wurden. Die Kardiologie auf das Problem des Pikettdienstes zu reduzieren, ist Ausdruck einer totalen Unkenntnis des Themas. Zunächst ist zu präzisieren, dass die meisten Herzinfarkte tagsüber erfolgen, wenn im Spital ein Kardiologe anwesend ist. Schliesslich ist es wichtig zu verstehen, dass die erste Behandlungstätigkeit im Spital nicht durch den Kardiologen erfolgt. Die interne Behandlungskette beginnt mit den Notfall- und den Intensivmedizinern, welche den Patienten empfangen und die ersten Notfallmassnahmen durchführen. Erst dann wird der Patient in das Katheterlabor geführt. Die Intervention des Kardiologen ist damit die letzte Tätigkeit in der Behandlungskette. Sogar wenn der Kardiologe auf Platz ist, nimmt die Zeit bis zur Öffnung der Vene durch den Kardiologen oft mehr als 60 Minuten ein – vor allem in den grossen Spitalzentren, wo aufgrund architektonischer Gegebenheiten die Distanzen zwischen den verschiedenen Einheiten die Zeit verlängern.
Häufig ist es so, dass der Kardiologe, der von Lausanne, Morges oder Lutry anreist, vor dem Patienten interventionsbereit im Katheterlabor steht. Die internationalen Empfehlungen fixieren die Referenzzeit zwischen dem Eintritt ins Spital und der Intervention des Kardiologen auf 90 – 120 Minuten.
Im Bereich der Chirurgie kam es zu wiederholten Aggressionen gegenüber Prof. Bettschart, Chefarzt des Departementes Chirurgie des Spitalzentrums Mittelwallis. Diese Anschuldigungen sind ungerecht und nicht fundiert. Seit seiner Aufnahme der Tätigkeit im Spitalzentrum Mittelwallis hat die Aktivität in seinem Verantwortungsbereich ausgezeichnete Resultate zu verzeichnen. Die Qualität wurde bestätigt durch die kürzlich durchgeführte, unabhängige Studie der Professoren Scheidegger und Clavien. Letzterer bestätigt: „Wenn man den Schweregrad der Krankheiten betrachtet, braucht sich das Wallis gegenüber den anderen Kantonen im Bereich der Chirurgie-Qualität nicht zu verstecken.“ Prof. Clavien fügt sogar hinzu: „Gemäss der Mehrzahl der von mir befragten Personen hat die Ankunft von Prof. Bettschart an der Spitze des Departementes wesentlich zu einer Verbesserung der Qualität in der Chirurgie beigetragen, zum einen aufgrund seiner persönlichen Leistungen, zum andern aufgrund der neuen Organisation der Abteilung.“
Die notwendigen Verbesserungen anbringen
Die Infragestellung der durch das Spital Wallis praktizierten, hochspezialisierten Medizin muss jedoch auch vor dem Hintergrund der Marktöffnung im Jahre 2012 verstanden werden. Dies wird zum Kampf um die Patienten auch aus Nachbarkantonen führen. Vor diesem Hintergrund lässt sich leicht verstehen, warum gewisse Kreise ein Interesse haben, das GNW zu schwächen, um Patienten aus dem Wallis in Nachbarkantone zu ziehen…
Der Zeitpunkt 2012 beunruhigt uns nicht. Das GNW bereitet sich seit seiner Gründung darauf vor. Das aktuelle System der Zentralisierung hat nicht nur dazu geführt, dass die Kosten nicht mehr explodieren. Heute kann sich das Spital Wallis problemlos mit anderen Kantonen vergleichen, da es die Qualität des Leistungsangebotes deutlich steigern konnte.
Dies bedeutet nicht, dass beim GNW Klarheit herrscht: „Wir sind uns bewusst, dass das Netz weitere Verbesserungen braucht“, erklärt der medizinische Direktor des GNW. „Wir sind in einer Entwicklungsphase, und wir werden die Spitalplanung weiterentwickeln, um das Problem mehrerer Standorte zu lösen und die Transfers von Patienten zu verringern, vor allem im Mittelwallis, wo diesbezüglich ein gewisser Rückstand herrscht.“
Das Audit ist erwünscht und wird erwartet
Die Vision des GNW ist deshalb deutlich erkennbar: die Konzentration der Strukturen vorantreiben, um vermehrt Kompetenzzentren zu bilden, welche noch spezialisierter sind.
Aus dieser Sicht stellt für das Spital Wallis das vom Grossrat beschlossene Audit eine echte Chance dar. „Wir haben dieses Audit gegenüber den Behörden bereits im April gewünscht“, präzisiert Generaldirektor Dietmar Michlig. „Wir haben davor keine Angst. Im Gegenteil. Wir werden uns kooperativ zeigen und erwarten wertvolle Resultate. Wir sind überzeugt, dass diese Untersuchung uns erlaubt und unsere Strategie zu bereichern, unsere Organisation zu verbessern. Sie steht im Dienst des allgemeinen Interesses des Gesundheitswesens im Wallis.“
Um der Bevölkerung zu ermöglichen, sich ein eigenes Bild zu machen, haben wir auf unserer Website ein Argumentarium aufgeschaltet (siehe Rubrik rechts "Zusätzliche Dokumente").